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"Dirlewanger Innovations Impulse"  
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Nr. 1, 2010

Aus meinem Skizzenbuch ...
stelle ich Ihnen in dieser Ausgabe einige der Themen vor, mit denen ich mich seit einiger Zeit beschäftige, die aber noch nicht fertig ausgearbeitet sind. Es ist ja für das Neue charakteristisch, dass es oft noch skizzenhaft und offen ist.

Wenn Sie also weiter daran mit-denken wollen, sind Sie gerne dazu eingeladen.

Impuls 1 ------------------------------------------------------------------------

Beulen im Kopf? "Wir könnten doch eine Autotüre mit Beule machen", meinte Herr Fein. Weil er nicht gleich begründen konnte, wozu eine Beule in einem neuen Auto gut sein sollte, wies ihn Herr Stark zurecht: "was für ein Blödsinn! Würden Sie ein neues Auto mit Beule kaufen?"

Herr Fein ist freischaffender Performance-Künstler, Herr Stark ist Fertigungsingenieur. Der Dialog war so ähnlich in einem Innovationsworkshop zu hören, den ich vor einiger Zeit für einen Automobilhersteller durchführte.

Seither beschäftigt mich immer wieder die Idee, die Kreativität von Ingenieuren zu trainieren, indem man sie selbst Kunstwerke herstellen lässt: Eine Plastik, ein Bild, eine Performance, bei der sie ganz anders denken MÜSSEN, als im Alltag. Zwei Dinge scheinen mir dabei interessant zu sein:

Erstens: Künstlerisches Denken hat eine andere "Logik". Statt zu fragen "Wie könnte man die Türe verbessern?" fragen,
1. "Was könnte man mit einer Türe alles machen?"
2. "Wie könnte man das ausführen?"
So könnten Ideen entstehen wie "vielleicht könnte man in die Beule den Rückspiegel integrieren, Platz für den Ellenbogen des Fahrers schaffen, oder ..."

Zweitens: Unsere Kreativität erschöpft sich meist bei der Generierung der Grundidee, und bei der Realisierung operieren wir eher konventionell.

Bei Künstlern scheint das anders zu sein. Gerade die ungewöhnliche Realisierung macht eine Idee erst interessant. So hatte z.B. die britische Künstlerin Ceal Floyer die Idee "weisse Objekte zeigen" und realisierte sie, indem sie in einem Baumarkt 20 weisse Gegenstände einkaufte und dann den Kassenbon  dieses Einkaufs ausstellte mit dem Titel "white".

Ab und zu "künstlerisch" zu denken, könnte Ingenieuren helfen, sich schneller und leichter von festen Mustern (Beulen im Auto unerwünscht) zu lösen oder unbefangener damit zu jonglieren.

Ein Seminarveranstalter wollte mein Angebot "Künstler trainieren Ingenieure" kürzlich realisieren, sagte schließlich aber doch wieder ab mit der Begründung: "in der Krisenzeit ist da wahrscheinlich wenig Bereitschaft für so ein Experiment". Oder vielleicht doch gerade?

Impuls 2 ------------------------------------------------------------------------

Der Science Fiction Manager löst den Innovationsmanager ab.
Nachdem der Innovationsmanager in vielen Unternehmen eingeführt ist und es inzwischen sogar einen "zertifizierten Innovationsmanager"(!) gibt, scheint es an der Zeit zu sein, diesem Establishment wieder etwas entgegenzusetzen, um weiterhin beweglich und innovativ zu bleiben.

Ideen zu generieren ist die eine Herausforderung, aber dafür gibt es Methoden. Die zweite, meist übersehene Herausforderung jedoch ist, dass wir uns bei sehr ungewöhnlichen Ideen oft nicht vorstellen können, dass sie funktionieren könnten: "horizontale Strassen" oder "ein Rasierapparat, der nicht rasiert" - wie soll das gehen? Es mangelt uns dabei an Vorstellungsvermögen, an Phantasie.

Es scheint mir daher sinnvoll, eine Abteilung Science Fiction und einen Science Fiction Manager einzuführen. Er müsste die Aufgabe haben, Vorstellungsvermögen und Phantasie im Unternehmen zu trainieren und zu pflegen, "Parallelwelten" einzurichten, in denen wirklich innovativ gedacht und entwickelt werden kann. Science Fiction Management wäre eine Erweiterung des heutigen Verständnisses von Innovationsmanagement.

Das würde sicher auch bewirken, dass ungewöhnliche Ideen schneller akzeptiert, dass mehr Experimente zugelassen würden und bisher "Unerlaubtes", das nicht in das Schema passte wäre plötzlich "zulässig" weil es in das (neue) "Schema" passte!

Die Phantasie von Science Fiction Autoren nutzen in den USA schon seit mehreren Jahren das Energieministerium, das Heimatschutzministerium, die Armee und die NATO. Die 40 SF-Autoren, die sich in der Gruppe SIGMA zusammengefunden haben, werden geschätzt, weil sie "die Dinge anders anschauen und Managern helfen können, breiter über Projekte nachzudenken" sagte H. McDavid CIO des Heimatschutzministeriums. (The Washington Post 22.5.2009)
Vor der Phantasie des Regisseurs des Science Fiction-Films "Avatar" David Cameron zur Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko allerdings schreckt BP  noch zurück (www.dailygreen.de/2010/06/05/olpest)...

An einem entsprechenden Training für Science Fiction Manager arbeite ich gerade.

Impuls 3 ------------------------------------------------------------------------

Ideen nach Schema F sind besser als Ideen aus dem hohlen Bauch. 

Bei sehr engagierten, kreativen Personen beobachte ich immer wieder, dass sie oft gerade dann weiterdenken wollen, wenn die anderen schon aufgegeben  haben - das n+1 Prinzip. Man weiss auch, dass das "Ausfüllen" von vorgegebenen Kästchen oder Fächern eher zu Antworten führt, als offene Fragen.

Nun könnte man - so meine Idee - rein grafisch jemanden dazu bringen, Verbindungen herzustellen, die er sonst nicht herstellen würde und Wege weiterzudenken, die er sonst nicht weiter ginge - einfach durch Vorgabe einer Anzahl von "Kästchen", die auszufüllen sind:

1. Mit einer beliebigen Methode werden Ideen generiert. Es wird eine Idee herausgegriffen (= Grundidee) und zwei verschiedene Varianten dazu erfunden und in die ersten beiden Kästchen untereinander eingetragen. Beispiel Rollenkoffer:

2010_1_2

 

2. Dann wird jede der Varianten zeilenweise weiterentwickelt. Dabei muss die Ausgangsidee beibehalten und alle drei Kästchen ausgefüllt werden:

     2010_1_4 

 

Die Grundidee "sich verwandelnde Rollen" wäre als solche nicht besonders interessant erschienen und ich hätte im Normalfall nach der Idee "Räder werden zu Luftsäcken" vielleicht schon aufgehört. Die "noch offene" nächste Leerstelle aber zwingt mich, weiter zu denken und plötzlich fällt mir eine Weiterentwicklung ein, an die ich bisher nicht gedacht habe.

Zwei Abwandlungen der Ausgangsidee (erste Spalte) und je drei Weiterentwicklungen (Zeile) scheinen mir genügend Druck zu machen, weiterzudenken.

Das Schema funktioniert wie ein "Nachbrenner" für eine Idee, um das in ihr enthaltene Potential weiter auszuloten. Von den erzwungenen Weiterentwicklungen müssen nicht alle interessant sein. Einige sind unergiebig, andere aber dafür vielleicht ganz neu.

Analog dazu könnte man ein ähnliches Verfahren auch zur Ideengenerierung einsetzen: Einzelne Kästchen sind mit Technologien, Effekten, Methoden besetzt. So werde ich gezwungen, eine bestimmte Technologie, an die ich nicht gedacht hätte, in die Idee einzubauen. Ein Ideen-Monopoly mit Ereigniskarten sozusagen.

Mit beiden Verfahren experimentiere ich noch. So könnte das ungeliebte Kästchendenken im Felde der Innovation doch noch zu Ehren kommen!

Impuls 4 ------------------------------------------------------------------------

Sokrates vom Rübenfeld. Nelson Bond hatte 1949 die SF-Story "Der Sokrates vom Rübenfeld" geschrieben, in der ein einfacher Farmer ohne Fachwissen in Mechanik und Physik zuerst einen streikenden Automotor wieder in Gang brachte, dann einen Kometen entdeckte und schliesslich erklären konnte, dass das Universum trotz Rotverschiebung nicht expandiert.

"Ich hatte so das Gefühl, das Dingsda am Sowieso müsste mal ..., ich habe mir gesagt, da müsste einer sein ..., es kam mir so vor, als ..." mit solchen Sätzen beschreibt er seine Fehlersuche und Reparaturkünste, wenn er in Maschinen hantiert, von denen er "eigentlich" gar nichts versteht.

1997 soll bei einer Ideengenerierungs-Sitzung "Notebook der Zukunft" des Beratungsunternehmens Dearborn & Bachmann eine Teilnehmerin, die sonst einen Zeitschriftenkiosk betreibt, gesagt haben, "da gehört irgendwie ein Telefon dran". Also in heutiger Sprache ein Modem. (gdi-impuls 2/1998)

Könnte man vielleicht statt aus Verlegenheit, bewusst durch Nutzung solcher abstrakter, diffuser Stellvertreterwörter ("ein Dings") besser zu Problemlösungen kommen als durch konkrete Benennung? Ein Stellvertreterwort hält die genaue Funktion noch offen und lässt im weiteren Denken Möglichkeiten offen, die dann  plötzlich vielleicht zur Lösung und Einsicht helfen.

Neben der Sprache unterstützt auch die Gestik offenbar bei Lern- und Suchprozessen. So hat die Gebärden-Expertin S. Goldin-Meadow von der University of Chicago kürzlich in Experimenten festgestellt, dass beim Problemlösen das Gestikulieren hilfreich ist und bis zu 50% mehr richtige Lösungen dadurch erzielt werden. Weiter stellte sie fest, dass bei Fehlern oft Gestik und gesprochenes Wort nicht übereinstimmen: die Geste bezeichnet das Richtige, die Worte drücken das Falsche aus.

Interessant scheint mir hier für den kreativen Prozess, dass man offensichtlich mit den Händen zuerst etwas begreift, BEVOR es mit dem Kopf verstanden wird. Das sollte man nutzen.

"Ich denke, da müsste so ein Dings dran sein, dann könnte man.." ist vielleicht die Sprache, in der wir in  Zukunft in Workshops sprechen?

Wie kann man solchen Sätzen das kindisch-Peinliche nehmen?

Probieren Sie es mal in de nächsten Tagen selbst aus, wenn Sie ein Problem haben und berichten
darüber?

Impuls 5 ------------------------------------------------------------------------

Bricolage-Denken.
Von dem Maler Neo Rauch weiss man, dass er sich für seine komplexen Gemälde keine Skizzen macht, sondern sich "wie ein Blinder auf der Leinwand vorantastet" und seine Ideen vor Ort synthetisiert (FAZ 20.4.2010). Ähnlich "konstruieren" wir im Kopf "bastelnd" auch die Ideen und Ideenkonzepte für neue Produkte oder Problemlösungen.

Der Ethnologe Claude Levi-Strauss bezeichnet in seinem Buch "Das wilde Denken" das eher intuitive, oder vor-wissenschaftliche Denken als das der bricolage, des Bastelns: der Bastler ist "jener Mensch, der Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind".

Der Bastler schafft Neues indem er vorgefundene oder gesammelte Elemente ("irgendwann kann man das mal gebrauchen") so benutzt, wie es ihm geeignet zu sein scheint. "Solche Elemente sind also nur zur Hälfte zweckbestimmt: zwar genügend, dass der Bastler nicht die Ausrüstung und das Wissen aller Berufszweige nötig hat; jedoch nicht so sehr, dass jedes Element an einen genauen und fest umrissenen Gebrauch gebunden wäre" (Levi-Strauss).

Bastler "probieren etwas aus, schauen sich das Ergebnis an, unterziehen es einer kritischen Prüfung  und probieren etwas anderes aus. Für Planer sind Fehler Schritte in die falsche Richtung. Bastler dagegen navigieren durch Korrektur auf halber Strecke. Bastler lösen Probleme dadurch, dass sie in einer Art dialogischer Beziehung zu ihren Arbeitsmaterialien eintreten" (S. Turkle "Leben im Netz").

Diese Denkstrategie darf also nicht verwechselt werden mit trial and error oder dem Backtracking-Algorithmus, wie er als Problemlösungsstrategie in der Informatik benutzt wird. Vielmehr heisst Bricolage-Denken:
Bei der Problemlösung
- alles multivalent sehen
  (die Schraube kann ich als Schraube benutzen,
  aber auch als Achse, als Stütze, als Gewicht, 
  als ...)
- schnelles Erproben und wieder Aufgeben von
  möglichen Wegen, ohne dem Nichtfunktionierenden
  lange nachzutrauern und zu analysieren
- mit der Idee in Dialog treten
  ("Wenn ich das vergrössere, was passiert dann?")
  Siehe auch Impuls 4
- sich konstruierend vorantasten durch partielles
  Kausal-Denken
  ("WENN ich das hier dran mache, DANN ..." ohne
  zu wissen, ob "das" überhaupt dafür geeignet ist)

Damit kann auch die Leistungsfähigkeit von Ideengenerierungs-Methoden deutlich erhöht werden.

Wie könnte man dieses Denken in die Köpfe bekommen?


© 2010 Arno Dirlewanger
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